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Ennomanes Blog: Qualittsjournalismus

Blogs - vor 6 Stunden 6 Minuten

tl;dr: Journalistische Debatten über Trolle kann ich nicht ernst nehmen, solange nicht auch mal die Trolle in den eigenen Redaktionen thematisiert werden.

Der Journalismus hat den Troll entdeckt. Nachdem in anderen Kontexten schon viele Menschen aus Foren, Twitter oder Facebook rausgemobbt wurden, wird es auch den den Redaktionen zu viel: Der Troll treibt sein Unwesen in ihren Kommentarspalten, die zunehmend dicht gemacht werden. Das Heise-Forum ist längst überall. Die Redaktionen reagieren darauf mit neuen Modellen: Strengeres Community-Management, Kommentare nur noch für Abonnenten, gelenkte Diskussionen. Gleichzeitig ist er spannend, dieser Troll. Wer sind eigentlich diese Leute, die Kommunikation zerstören, Menschen mit verbaler Gewalt in die Verzweiflung und aus dem Netz treiben? Darüber erschienen in den letzten Wochen etliche Geschichten. Und wie umgehen mit dem Troll? Offen bekämpfen, einfach löschen und rauswerfen oder – “Don’t feed the troll!” – ihn ignorieren? Die jahrealte Netzdebatte ist im Mainstream angekommen. Der Troll wird als Objekt der Berichterstattung zu Hause besucht.

Irgendwas jedoch fehlte mir an der ganzen Debatte, das ich zunächst nicht näher benennen konnte und mir erst gestern klar wurde. Was ist eigentlich mit Trollen in den Reihen der Redaktionen? Was denkt sich der Online-Redakteur bei “Spiegel Online”, der nach Artikeln über #Aufschrei oder Anita Sarkeesian den nächsten Fleischhauer freischaltet? Wie ist das so, sich bei der “Zeit” immer wieder mit Rassismus und Frauenfeindlichkeit auseinander zu setzen, nur um dann Lesern, die sich für eine Welt mit weniger Diskriminierung einsetzen, den nächsten Martenstein reinzuwürgen? Und warum muss die F.A.Z. erst investigativ einen Bilderbuch-Troll irgendwo in der Provinz ausgraben, wo doch die Telefonnummer von Don Alphonso gereicht hätte?

Die Antwort scheint ganz einfach: Trolle sorgen für Aufregung und Empörung. Sie bringen Traffic, Klicks und Umsatz. Die einen rufen “Endlich sagt’s mal einer!”, die anderen regen sich – meist zurecht – darüber auf, welche menschenverachtende Scheiße da wieder ins Netz gekippt wurde. Und das nicht auf irgendwelchen Blogs, in denen Trolle sowieso schreiben können, was sie wollen, sondern mitten im selbsternannten “Qualitätsjournalismus”. Der Troll, heißt es, genießt die Aufmerksamkeit. Er lebt geradezu davon, Unruhe zu stiften, Menschen zu verletzen und Hass zu verbreiten. Das ist natürlich auch ein Geschäftsmodell. Und Trolle sind halt immer die anderen.

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Störerhaftung: Datenverkehr nur mit Nummernschild

Blogs netzpolitik.org - vor 11 Stunden 30 Minuten

Ulf Buermeyer kommentiert in der FAZ die unsägliche Störerhaftung, die die Große Koalition auch noch verschlimmbessern möchte: Datenverkehr nur mit Nummernschild.

Was aber lässt die Regierung so erschaudern bei dem Gedanken, dass offene Netze weitere Verbreitung finden könnten? Betrachtet man die Formulierungen bei der Vorstellung der „Digitalen Agenda“, so geht es offenbar darum, eine anonyme Nutzung des Internets möglichst zu verhindern: Jeder soll zu jeder Zeit für sein Verhalten im Internet zur Rechenschaft gezogen werden können. Gegenüber diesem totalitären Ideal von den gläsernen Surfern sind grundsätzliche Vorbehalte angebracht.

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Flaschenpost: Aus dem Nest gefallen XII

Blogs - 24 Oktober, 2014 - 23:55

Grade eben klingelte beim Sperling das Telefon. Sein Nachbar war dran und regte sich furchtbar auf, was denn die Piraten wieder so machen würden, und die arme AfD, und endlich eine Strafanzeige … und so weiter und so fort.

Der Sperling beschloss, sich das alles mal durchzulesen. So wie es aussieht, picken ein paar echt schräge Vögel regelmäßig so lange auf irgendwelchen Servern der AfD rum, bis diese aufgehen – dann veröffentlichen sie ihre Funde (Adressen von Parteimitgliedern etc.)  an verschiedenen Stellen im Netz – mit dem Ziel, diese bloßzustellen.

Der Kindergarten in Pripyat CC BY-NC-SA 2.0 СмdяСояd

“Moment mal”, fragt sich da der Sperling, “wieso bloßstellen? Ist die Mitgliedschaft bei der AfD etwas, für das man nicht öffentlich einstehen will?” Dem scheint so zu sein, im Gegensatz zur Mitgliedschaft bei den Piraten, derer man sich nicht (mehr) zu schämen braucht und die auch in Kleidung mit Parteilogo erkennbar ist, ist das bei der AfD anders. Nicht nur, dass man hie und da von Linksextremen angefeindet wird, auch in der Mitte der Gesellschaft regt sich Widerstand gegen die mit Geld von Banken und Industrie gestopften neo-/rechtsliberalen Besserwisser.

“Aber was hat das mit den Piraten zu tun?”, fragt ihn sein Spatz, “Das sind doch irgendwelche anderen Leute!” Nun, mit den Piraten hat das an sich gar nichts zu tun. Die Partei bietet im Rahmen ihrer Funktionen eine freien Etherpad-Server (ähnlich wie Google seine Textverarbeitung Google-Docs) zur Nutzung für Parteimitglieder und alle anderen Menschen an – unzensiert, kostenlos und ohne Schnüffelei ob der Inhalte. Und als Anbieter nach TMG auch ohne sich die Inhalte zu eigen zu machen. Die oben genannten schrägen Vögel haben u.a. diesen Etherpad-Server genutzt und die Inhalte wurden sofort nach Beschwerde durch die AfD von den Parteiservern gelöscht.

Jeder Anwalt mit einer grundlegenden Ausbildung im “Internet-Recht” weiß, dass die Partei und ihre Mitarbeiter nicht dafür verantwortlich sind. Und er weiß auch, dass Anzeigen gegen Betreiber nur einem Zweck dienen können – und zwar dem, das Geld ihres Mandanten möglichst peinlich zu verbrennen. Dieses Wissen scheint jedoch nicht bis zur AfD oder ihrem Anführer vorgedrungen zu sein, denn laut Spiegel online wurde “Strafanzeige gegen die Piratenpartei Deutschland sowie alle für den Inhalt der Webseite verantwortlichen Personen” gestellt.

Nun ja, wir sind immerhin in der Politik – da heißt es eben: “Verklagen Sie die alle, und kommen Sie mir nicht mit Fakten, ich will klagen, weil ich recht habe!” und die Realität ist egal. So werden schließlich auch hierzulande Gesetze gemacht (die dann hin und wieder das BVerfG oder der EuGH einkassiert), so wird gewählt (nachher war es keiner) und so werden auch Verträge (man nehme ein beliebiges staatliches Großprojekt) unterschrieben.

“Normalerweise”, sinniert der Sperling, “dauert es etwas, bis Parteien dermaßen in sich gefangen sind, dass sie die Realität nicht mehr kümmert”. Nun, bei der AfD geht das viel schneller. Kein Wunder, dass sie noch mehr gemieden werden, als die PDS weiland in den “Neunzigern” – nicht nur komische Gestalten mit Anklängen von Blut und Boden, auch noch verstrahlt wie der Kindergarten in Pripyat.

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#10np: Sascha Lobo und Frank Rieger diskutieren über den NSA-Überwachungsskandal

Blogs netzpolitik.org - 24 Oktober, 2014 - 19:40

Auf unserer “Das ist Netzpolitik!”-Konferenz am vergangenen Freitag diskutierten Sascha Lobo und Frank Rieger zusammen mit Andre Meister über technische und politische Konsequenzen aus dem NSA-Überwachungsskandal – und wie die Politik darauf reagiert.

Das Video gibt es zum herunterladen (1,6 GB!) und auf Youtube:

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Nackt im Wald – Ein Jahr nach #merkelhandy: Die Folgen der Überwachung

Blogs netzpolitik.org - 24 Oktober, 2014 - 18:31

Morgen sendet Breitband auf Deutschlandradio Kultur eine einstündige Diskussionsrunde zu einem Jahr Merkelphone. Bereits heute gibt es die von Philip Banse moderierte Runde im Netz zu hören. Mit dabei sind neben dem Spiegel-Redakteur Marcel Rosenbach auch unsere beiden Mitschreibenden Ulf Buermeyer und Anna Biselli.

Vor einem Jahr enthüllte der Spiegel, dass die NSA Angela Merkels Telefon abgehört hat. Für uns ist das Anlass, die letzten 12 Monate globaler Überwachung durch die NSA und BND Revue passieren zu lassen, und zu fragen, wie uns dieses Wissen verändert und warum die Bundesregierung so wenig zum Schutz unserer Grundrechte unternimmt.

Hier ist die MP3.

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Netzpolitischer Wochenrückblick KW 43

Blogs netzpolitik.org - 24 Oktober, 2014 - 18:19

Auf der Webseite verspricht man “Einblick in das Innenleben des BND“. Es gibt aber keine.

Willkommen zu unserem Rückblick auf die 43. Kalenderwoche.

Wir haben die Feierlichkeiten zum zehnjährigen Bestehen von netzpolitik.org gut überstanden und freuen uns über das gute Feedback. Für die, die nicht kommen konnten: Die Videos von unserer Geburtstagskonferenz sind online. Auch zum herunterladen.

Nachdem es zwischenzeitlich Zweifel gab, wird Günther Oettinger nun doch der neue Digitalkommissar der EU. Wir wünschen eine erfolgreiche Amtszeit und hoffen das Beste! Dafür ist der BND unserer Informationsfreiheits-Anfragen müde. Es gibt weiterhin keine Antworten und wir sollen ihn in Zukunft nicht mehr nerven.

Anna hat uns im Rahmen ihrer Reihe “How to analyze Everyone” erklärt, wie Computer alleine anhand vom Schreibstil herausfinden können, wer auf unserem Blog welchen Text geschrieben hat. Nach diesem Prinzip können natürlich noch viel größere Datenmengen nach den Urhebern einzelner Texte durchforstet werden, ohne dass deren Namen dafür unter dem Text stehen müssen.

Die Bundesregierung macht weiterhin keine verständlichen Aussagen zum Thema Netzneutralität. Aber was sie sagt, macht uns Sorgen. Außerdem hat sie seit dem Sommer 34 Gesetze entwickelt und wiederum 31 geplante gestrichen. Wir haben eine neue Version der Vorhabendokumentation veröffentlicht.

Giovanni Buttarelli hat die Wahl zum EU-Datenschutzbeauftragten gewonnen. Der Italiener, der in der letzten Legislaturperiode bereits stellvertretender Datenschutzbeauftragter war, hat sich mit 34 Stimmen Abstand zum Zweitplatzierten klar gegen die anderen Kandidaten durchgesetzt. Buttarelli gilt als erfahrener Politiker und kompetent im Umgang mit Datenschutz. Der Rechtsanwalt Niko Härting hat seine Klage gegen die Massenüberwachung des Bundesnachrichtendienstes zurückziehen müssen. Nachdem er vor dem Bundesverwaltungsgericht Leipzig gescheitert ist, ging er vor das Bundesverfassungsgericht, wo er seine Klage nun unter anderem wegen zu spät eingegangener Unterlagen zurückziehen musste.

Und wieder eine gute Nachricht vom EuGH: Der Europäische Gerichtshof hat entschieden, dass die Einbettung von Videos keine Urheberrechtsverletzung darstellt. Alles andere wäre auch absurd gewesen. Danke für die Klarstellung.

Open Access, also der freie Zugang zu wissenschaftlichen Arbeiten im Internet, ist hierzulande noch nicht wirklich verbreitet. Das soll sich jetzt ändern. Die Open Access Woche 2014 findet gerade statt und unsere Gastbeitrag-Trilogie hat sich mit der Geschichte des Konzeptes, seiner politischen Dimension und den wirtschaftlichen Schwierigkeiten des wissenschaftlichen Zeitschriftenmarktes auseinandergesetzt.

Creative Commons will mit einer neuen Strategie das Teilen von Inhalten für für Urheber vereinfachen. Die Organisation plant außerdem eine App um eine freie Bildersammlung per Crowdsourcing zu erstellen. Die Elecronic Frontier Foundation hat eine Menge Tipps und Tools für die Selbstverteidigung gegen Online-Überwachung zusammengestellt.

In eigener Sache: Wir haben noch einen Praktikumsplatz ab Januar anzubieten.

Wir wünschen euch ein schönes Wochenende und freuen uns trotz Zeitumstellung auf eine neue ereignisreiche Woche!

Den Wochenrückblick gibt es auch als Newsletter. Oben rechts im Blog ist das Feld zum Abonnieren.

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YouTube Content ID: Wie Microsoft und Google unsere Berichterstattung behindern – und niemand Schuld ist

Blogs netzpolitik.org - 24 Oktober, 2014 - 18:04

YouTube hat Inhalte von uns gesperrt, weil diese angeblich Copyrights von Microsoft verletzen sollen. Die drei Videos zeigen, wie die Trojaner-Hersteller FinFisher Sicherheitslücken auf einem Windows-Rechner ausnutzen. Zwar wurden die Videos wieder freigeschaltet, dennoch verdeutlicht der Vorfall das häufige Overblocking von Algorithmen wie YouTubes Content ID.

Im August hatten wir berichtet, dass der Trojaner-Hersteller FinFisher gehackt wurde und 40 Gigabyte Daten an die Öffentlichkeit gelangten. Darunter waren auch drei Videos, in denen die Firma die Ausnutzung von Sicherheitslücken in gängigen Software-Typen präsentierte. Die hatten wir auf unseren YouTube-Account geladen und in unsere Berichterstattung eingebunden.

Vor zwei Wochen haben wir eine Mail von YouTube erhalten, dass diese Videos gesperrt wurden, weil sie irgendein Copyright von Microsoft verletzen sollen:

Due to a copyright takedown notice that we received, we had to take down the following videos from YouTube:

Video title: FinSploit Sales: Windows 7 SP1 – Browsers Exploit
Takedown issued by: Microsoft Corporation

Video title: FinSploit Sales: Windows 7 SP1 – Microsoft Office 2010 DOC XLS Exploits
Takedown issued by: Microsoft Corporation

Video title: FinSploit Sales: Windows 7 SP1 – Acrobat Reader PDF Exploit
Takedown issued by: Microsoft Corporation

This means that your video can no longer be played on YouTube, and you may have lost access to some features of YouTube.

Nun sind massenhafte Takedowns aufgrund von Algorithmen nichts neues, wir berichten regelmäßig über die Privatisierung der Rechtsdurchsetzung und Googles System Content ID.

Auf YouTube hochgeladene Videos werden geprüft und mit einer Datenbank verglichen, in der Dateien gespeichert sind, die von Rechteinhabern an uns übermittelt wurden. Urheberrechtsinhaber entscheiden darüber, was geschieht, wenn Inhalte in einem Video auf YouTube mit einem ihrer eigenen Werke übereinstimmen.

Die Wikipedia weiß:

Vonseiten vieler YouTube-Benutzer wird das Content-ID-System heftig kritisiert; die Algorithmen erkennen häufig auch legal hochgeladene und monetarisierte Videos und YouTube prüft nicht ob der Uploader der Referenzdatei tatsächlich der Urheber der Datei ist, was Missbrauch zulässt.

Also haben wir bei Microsoft und Google angefragt:

  1. Ist das manuell passiert oder hat YouTube Content ID da ausgeschlagen?
  2. Welche Rechte von Microsoft werden dabei verletzt?
  3. Haben Sie eine Abwägung getroffen, ob eventuell verletzte Rechte wichtiger sind als die öffentliche Aufklärung über Schadsoftware?
  4. Haben Sie eine Abwägung getroffen, ob eventuell verletzte Rechte wichtiger sind als unsere Rechte als Presse?
  5. Wollen Sie diesen Fall nochmal überprüfen und die Videos ggf. wieder freischalten?

Irgendwann im Laufe der letzten zwei Wochen wurden die Videos glücklicherweise wieder freigeschaltet, wahrscheinlich weil wir direkt über die Presseabteilung gegangen sind. Eine Antwort haben wir leider nicht erhalten. Deswegen haben wir gestern nochmal nachgehakt und endlich eine Antwort von Google bekommen:

vielen Dank für Ihre Fragen an Microsoft, die die Kollegen dort an uns weitergegeben haben. Solche Sperrungen erfolgen automatisiert über Content ID – manuelle Überprüfungen wären bei mehr als 100 Stunden Video-Uploads pro Minute auf YouTube nicht zu leisten.

Da die Videos inzwischen freigegeben sind, vermute ich, dass sich Ihre Fragen im Wesentlichen erledigt haben.

Hatten sie natürlich nicht, deswegen haben wie unsere Fragen nochmal gestellt. Ergebnis:

bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir uns zu konkreten Einzelfällen nicht äußern können – allgemeine Informationen dazu, wie wir Urheberrechtsfragen auf YouTube klären, finden Sie hier und hier.

Na super. Ein Algorithmus sperrt Inhalte, weil Videos einen Screencast auf Windows beinhalten. Dass Microsoft darauf kein Copyright hat, wird ebenso wenig überprüft, wie die Fragen, ob die Veröffentlichung von der Pressefreiheit gedeckt ist oder ob es Microsoft nicht sogar hilft, über Schadsoftware aufzuklären. Nur weil wir hartnäckig sind und vielleicht sogar bei den zuständigen Stellen bekannt sind, wird der Inhalt wieder freigeschaltet. Eine Erklärung oder sogar Entschuldigung gibt es nicht.

FragDenStaat.de hatte für das Innenministerium ein schönes Wort erfunden: Zensurheberrecht.

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Flaschenpost: Wann ist eine eigene Meinung politisch?

Blogs - 24 Oktober, 2014 - 16:02

Thilo W. im Gespräch mit der Flaschenpost

Thilo W. erinnert sich an eine Aktion, die er gemeinsam mit anderen Studenten an der Technischen Hochschule Dresden gegen Ende der 50er Jahre unternahm. 45 Monate war er in politischer Haft, einen Teil davon in Isolationshaft. Auslöser war ursprünglich der Wunsch nach Meinungs- und Reisefreiheit. Einige seiner Erinnerungen hat er der Flaschenpost mitgeteilt.

Gestandene Freundschaft gab es nicht zwischen uns. Wir wollten irgendetwas machen, um nicht bloß noch zu allem Ja zu sagen. Dazu brauchten wir eine Möglichkeit, um unsere Gedanken und Vorstellungen kundzutun und zu verbreiten.

Aber zum damaligen Zeitpunkt gab es noch keine Wiedergabe von Literatur wie heute. Du hattest eventuell eine Schreibmaschine und eine Wachsfolie. Damit konntest du Vervielfältigungen machen. Das waren Wachsbögen, in die du mit der Schreibmaschine den Wachs reingeschlagen hast: An den Stellen, wo die Buchstaben auf den Wachs geschlagen haben, fehlte das Wachs, und über ein blaues Farbband gelangte Farbe auf das Papier. Und selbst das gab es nicht. Außerdem war es streng verboten, irgendwelche Vervielfältigungen herzustellen. Das durftest du nur mit einer Genehmigungsnummer.

Um an so ein Gerät zu kommen, sind drei von uns nach Berlin gefahren. Dort gab es ein Lemmer-Ministerium. Lemmer war ein Minister in der westlichen, damals noch Bundesrepublik. Das Ministerium hatte seinen Sitz in Berlin. Die Drei haben dort vorgesprochen, ob sie so etwas kriegen könnten. Die Leute dort sagten: „Jungs, überlegt euch, was ihr hier macht. Das ist ganz gefährlich. Kommt in vierzehn Tagen wieder und schlaft erst mal drüber, ob ihr euch darauf überhaupt einlasst.“

Es war nicht so, wie das gern hingestellt wurde. Die wurden nicht abgeworben und bezahlt, damit sie gegen die DDR arbeiten. Am Ende haben wir doch das Gerät gekriegt und test-weise auf der TH einen Aufruf zu einer Protestkundgebung zehnmal abgezogen, weil die Regelungen zu den West-Reisen gelockert werden sollten, und sie auf den TH-Toiletten verteilt. Dem Aufruf folgten erstaunlich viele Studenten.

Ich war lediglich ein Helfer. Die ganz Großen haben am Ende auch bis zu zehn Jahre Gefängnis bekommen. Die große Resonanz wurde uns 1959, als wir alle in einer Nacht verhaftet worden sind, auf der Bautzener Straße kundgetan. Die wussten alles, denn es gab einen bei uns in der Gruppe, dem das entweder zu heiß wurde und der aufhören wollte.

Eine der Grundregeln war: Wer bei uns in der DDR organisiert ist und aufhören will, muss in den Westen gehen, damit hier in der DDR kein Gefahren-Potenzial dafür besteht, dass die engsten Verwandten etwas erfahren. Der hatte aber auch nicht den Trieb rüber zu gehen und sofort weiter zu studieren, sondern hat sich seinem Vater offenbart. Der wiederum hatte aber nichts weiter im Sinn, als mit seinem Sohn auf die Bautzener Straße zu fahren.

Dort ist der DDR Recht zu geben: Er konnte als Kronzeuge im Folgejahr sofort weiterstudieren, die haben ihn nicht Hals über Kopf als Gegner vernichtet, weil er irgendwann mal gegen sie stand. Ich habe vieles an dem Staatssicherheitsdienst, an dem U-Haft-Wachleuten zu schätzen gelernt, die versuchten, dir eine kleine Menschlichkeit anzutun. 

Eigentlich müsste ich dem Staatssicherheitsdienst sogar dankbar sein, dass die dort am 29. Februar 1959 zugeschlagen haben und uns alle geholt haben. Denn ich habe mir im Nachhinein durch den Kopf gehen lassen, dass unsere dann auf 13 Mann erweiterte Gruppe in der Gefahr stand, in Terrorismus auszuufern. Denn dort entstanden Gedanken, wie man Abtrünnige beseitigen kann. Am Ende wäre ich da auch nicht mehr aus diesem Dilemma herausgekommen. Wenn das damals nicht aufgeflogen wäre, wäre das in die Spalte geraten, was heute Terrorismus ausmacht. Ich muss sagen, alles, was mit Unmenschlichkeit zu tun hat, ist auch nie meine Sache gewesen.

https://flaschenpost.piratenpartei.de/files/2014/10/Wann-ist-eine-eigene-Meinung-politisch.mp3

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Micha Schmidts Blog: Free-Music-Friday: Gridline

Blogs - 24 Oktober, 2014 - 15:00

Gridline ist ein Electronica-Projekt, dass vom Serben Predrag Grujic seit 2009 betrieben wird. Mittlerweile hat er es auf 10 Veröffentlichungen gebracht. Das neueste Album trägt den Titel “Shortlove” und erschien am 28.09.2014 unter der Lizenz CC by-nc-sa.

Die 10 Instrumental-Titel lassen sich mit Ambient, Minimal und Downtempo beschreiben, teilweise experimentell oder mit Alltagsgeräuschen garniert. Nicht unbedingt tanzbar, aber durchaus sehr gut hörbar.

Vor “Shortlove” sind folgende Alben und EPs erschienen: “Unknown Space” (2009), “Tracker” (2010), “Filling The Emptiness” (2010), “Passages & Satellites” (2010)”Evol Waves” (2011), “Background Noise” (2012), “Red Music” (2012), “Background Noise Part 2” (2013) und “Videogame” (2014).

Gridline im Netz: Facebook | Last.fm | Reverbnation | Soundcloud | Twitter | YouTube

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Musik klarmachen zum Ändern: Grindline

Blogs - 24 Oktober, 2014 - 15:00

Gridline ist ein Electronica-Projekt, dass vom Serben Predrag Grujic seit 2009 betrieben wird. Mittlerweile hat er es auf 10 Veröffentlichungen gebracht. Das neueste Album trägt den Titel "Shortlove" und erschien am 28.09.2014 unter der Lizenz CC by-nc-sa.

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10 Jahre Ubuntu: Das (meist) freundliche Gesicht von Linux

Blogs netzpolitik.org - 24 Oktober, 2014 - 14:53

Vor zehn Jahren erschien Ubuntu als Linux-Distribution und mischte damals den Markt auf. Zehn Jahre später ist Ubuntu mit seinen zahlreichen Ablegern die dominierende Desktop-Distribution. Bei Zeit.de gibt es einen Rückblick: Das (meist) freundliche Gesicht von Linux.

Ubuntu brachte Humor und Benutzerfreundlichkeit in die Welt von Linux, brach aber auch ihre Tabus.

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Abstimmung über die „25 Frauen der digitalen Zukunft“

Blogs netzpolitik.org - 24 Oktober, 2014 - 14:44

Das Online-Magazin EditionF sucht die „25 Frauen der digitalen Zukunft“ und hat dafür 50 Frauen zur Auswahl gestellt. Mit dabei sind auch unsere beiden Autorinnen Kirsten Fiedler (NP10: Meine Gründe, für Netzpolitik zu schreiben) und Julia Kloiber, aus dem Netzpolitik-Bereich gibt es dort u.a. auch noch Constanze Kurz, Gesche Joost, Maria Reimer und Julia Reda.

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Die Wahrheit über die Lügen der Journalisten

Blogs netzpolitik.org - 24 Oktober, 2014 - 14:35

Die Krautreporter sind heute offiziell online gegangen. Zu den ersten Artikeln gehört die lesenswerte Rezension des Buches “Gekaufte Journalisten“ von Udo Ulfkotte durch Stefan Niggemeier: Die Wahrheit über die Lügen der Journalisten.

Der ehemalige FAZ-Redakteur Udo Ulfkotte behauptet, dass Pressefreiheit in Deutschland nur eine Illusion ist. Sein “Enthüllungsbuch” über angebliche Medien-Manipulationen verkauft sich bestens, ist aber selbst voller Übertreibungen, Verdrehungen und Unwahrheiten. Ein Faktencheck.

Am lustigsten ist die Offenlegung am Ende:

Ulfkotte bezeichnet mich in seinem Buch als vertrauenswürdige Quelle: „Journalisten als Eigenmarken, die auch ohne Verlage Geld verdienen können, weil man ihnen vertraut – die haben eine Zukunft. So wie im Medienbereich etwa Stefan Niggemeier.“

Ich finde die Navigation noch etwas gewöhnungsbedürftig und warte mal auf den versprochenen Full RSS-Feed.

Ich bin mal gespannt, welches Profil Krautreporter entwickeln wird und ob es mehr Alleinstellungsmerkmal geben wird, als Kommentare nur für Mitglieder und keine Werbung.

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Infrastrukturgipfel 2014 auf den Medientagen in München: Schwerpunkt Netzneutralität

Blogs netzpolitik.org - 24 Oktober, 2014 - 14:14

Am Mittwoch war ich in München, um auf den Medientagen über Netzneutralität zu diskutieren. Neben mir waren noch Vertreter von Vodafone, Deutsche Telekom, LfM und ProSieben auf dem Podium und komischerweise war ich dabei der einzige Verfechter von Netzneutralität und klaren Regeln.

Conrad Albert, Vorstand Legal, Distribution & Regulatory Affairs ProSiebenSat.1 Media
Markus Beckedahl, Blogger und Gründer netzpolitik.org, re:publica
Dr. Jürgen Brautmeier, Vorsitzender der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten (DLM), Direktor der Landesanstalt für Medien NRW (LfM)
Dr. Christoph Clément, Director Legal and Regulatory, Mitglied der der Geschäftsleitung Vodafone Deutschland
Wolfgang Kopf, Leiter Zentralbereich Politik und Regulierung, Deutsche Telekom

Wer sich die einstündige Diskussion nochmal anschauen möchte, findet hier eine MP3 und hier ein Video:

Bei Heise gibt es eine kurze Zusammenfassung: Internet-Überholspuren: Plädoyer gegen Netzneutralität und für “Ex-post”-Regelung.

Im Anschluß an die Debatte habe ich dazu auch nochmal Fragen beim BR beantwortet:

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3sat-Kulturzeit über Citizenfour und den NSA-Untersuchungsausschuss

Blogs netzpolitik.org - 24 Oktober, 2014 - 11:53

3sat Kulturzeit hat gestern über Citizenfour, den Snowden-Film von Laura Poitras und den NSA-Untersuchungsausschuss im Deutschen Bundestag berichtet. Wir kamen dabei auch vor:

Die 15 Minuten finden sich in drei Teilen auch in der 3sat-Mediathek.

Es geht nicht um mich: Laura Poitras’ Film über Edward Snowden
NSA-Untersuchungsausschuss
Kulturzeit-Gespräch mit Markus Beckedahl

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Vortrag von Bruce Schneier: Ist es möglich, online sicher zu sein?

Blogs netzpolitik.org - 24 Oktober, 2014 - 11:29

Bruce Schneier, Experte für Kryptographie und Computersicherheit (und Co-Autor unseres Buchs Überwachtes Netz) hat in der Harvard Law School eine Vorlesung gehalten: Is It Possible To Be Safe Online? Davon gibt es einen Video-Mitschnitt in sieben Teilen:

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Selbstverteidigung gegen Überwachung: Tipps, Tools und Anleitungen für sicherere Online-Kommunikation

Blogs netzpolitik.org - 24 Oktober, 2014 - 11:05

Unsere Freunde bei der Electronic Frontier Foundation (EFF) haben eine neue Version ihres Projekts Surveillance Self-Defense (SSD) veröffentlicht. Aus der Ankündigung:

We’re thrilled to announce the relaunch of Surveillance Self-Defense (SSD), our guide to defending yourself and your friends from digital surveillance by using encryption tools and developing appropriate privacy and security practices. The site launches today in English, Arabic, and Spanish, with more languages coming soon.

Die Inhalte finden sich unter ssd.eff.org:

Modern technology has given the powerful new abilities to eavesdrop and collect data on innocent people. Surveillance Self-Defense is EFF’s guide to defending yourself and your friends from surveillance by using secure technology and developing careful practices.

Select an article from our index to learn about a tool or issue, or check out one of our playlists to take a guided tour through a new set of skills.

Disclaimer: Ich habe daran mitgewirkt.

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EuGH: Video-Einbettung keine Urheberrechtsverletzung

Blogs netzpolitik.org - 24 Oktober, 2014 - 10:58

Google Image Search (Youtube)

Golem berichtet über eine aktuelle Entscheidung des EuGH wonach “framende Links”, wie z.B. der Einbettung eines YouTube-Videos, weiterhin erlaubt bleiben. Der EuGH verneint damit die vom deutschen Bundesgerichtshof (BGH) geäußerte Frage, ob es sich bei der Einbettung um eine bislang gesetzlich nicht geregelte und damit verbotene Nutzungsform von Inhalten handelt. Zur Klärung dieser Frage hatte sich der BGH an den EuGH gewandt.

Ausschlaggebend für die Entscheidung des EuGh ist, “dass der Inhaber des Urheberrechts, als er die Wiedergabe erlaubte, an alle Nutzer des Internets gedacht hat.”

Aus dieser Begründung des EuGH folgt jedoch auch, dass nicht jede Einbettung von Inhalten damit erlaubt ist. Denn die Entscheidung des EuGH bezieht sich eben nur auf jene Fälle, in denen das Video mit Zustimmung des Rechteinhabers auf einer Plattform wie YouTube hochgeladen wurde. Beim Einbetten von offensichtlich rechtswidrigen Inhalten (wie z.B. einem Video eines aktuellen Kinofilms) drohen weiterhin rechtliche Konsequenzen.

Thomas Schwenke verweist in seiner Analyse des Urteils noch auf weitere verbotene Embedding-Szenarien wie die Umgehung von Paywalls durch Embedding oder wirtschaftliche Ausbeutung (z.B. Vertonung einer Werbeanzeige mittels Video-Embed).

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Open Access: Auf dem Weg zur politischen Erfolgsgeschichte? – Teil III: Die politische Dimension von Open Access

Blogs netzpolitik.org - 24 Oktober, 2014 - 10:37

Open Access, das heißt der freie digitale Zugang zu wissenschaftlichem Wissen, ist gerade in Deutschland ein vernachlässigtes Thema. Anlässlich der internationalen Open-Access-Woche 2014 wollen wir mit einer dreiteiligen Artikelserie in die Debatte um Open Access einführen. Nachdem wir im ersten Teil die Probleme mit dem Markt für wissenschaftliche Zeitschriften erklärt haben, ging es im zweiten Teil um die Geschichte und Etablierung von Open Access. Im dritten Teil unserer Serie befassen wir uns schließlich mit der politischen Debatte um Open Access.

Dies ist ein Gastbeitrag von Jeanette Hofmann und Benjamin Bergemann aus der Projektgruppe Politikfeld Internet am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Der Text basiert auf Recherchen für einen Artikel im Band “Zugang und Verwertung öffentlicher Informationen” (im Erscheinen).

Die politische Dimension von Open Access

Die großen internationalen Unterschiede in der Verbreitung von Open Access resultieren aus unterschiedlichen OA-Politiken. Diese können als nationale OA-Policies sowie als “Mandate” der Forschungs- und Forschungsförderungsorganisationen daherkommen. OA-Politiken können den Charakter bloßer Empfehlungen (wie in Deutschland) haben oder aber obligatorisch sein und dadurch enormen Einfluss entfalten.

Open-Access-Policies: Schlupflöcher, Mandate, Zweitverwertungsrecht

OA-Mandate schreiben vor, dass begutachtete Arbeiten entweder in Repositorien deponiert oder in OA Journalen veröffentlicht werden müssen. Erlassen werden können sie entweder von den wissenschaftlichen Einrichtungen, bei denen die WissenschaftlerInnen beschäftigt sind, oder von den Forschungsförderern, die die Finanzierung bereitstellen.

Die ersten institutionellen OA-Mandate entstanden um 2004. Derzeit gibt es weltweit etwa 230 institutionelle Mandate und weitere 90 Mandate von Förderungsinstitutionen. OA-Mandate variieren untereinander im Hinblick auf den Umfang der obligatorischen öffentlichen Zugänglichkeit, die Ausnahmen von der OA-Regel und auch bezüglich ihrer Sanktionsmechanismen. Anders formuliert lassen sich OA-Mandate entsprechend des institutionellen Gegengewichts kategorisieren, das Forschungs- und Förderungseinrichtungen gegenüber Verlagen und Veröffentlichungskonventionen in die Waagschale legen. Je weitgehender und strikter die Regelungen der wissenschaftlichen Einrichtungen, desto enger die Handlungsspielräume der Verlage – und AutorInnen.

Peter Suber unterscheidet zwischen drei verschiedenen Mandatstypen – eine Art OA-Durchsetzungshierarchie: die schwächste Form des Mandats sind “loophole” Regelungen, die eine Selbstarchivierung nur dann erfordern, wenn der Verlag dieser zustimmt. “Deposit mandates” wiederum verlangen eine Selbstarchivierung unter allen Umständen, aber die Zugänglichkeit der Texte orientiert sich an Sperrfristen und ist somit ins Belieben der Verlage gestellt. Die weitest gehende Regelung enthält eine “rights retention” Pflicht, mit der sich Universitäten grundsätzlich ein Zweitveröffentlichungsrecht vorbehalten, so dass Autoren erst gar keine ausschließlichen Verwertungsrechte an Verlage übertragen können (auch hier bestehen Ausnahmeregelungen).

Als internationales Vorbild und Kompromisslösung für OA-Mandate gilt derzeit das von der Universität Liège im Jahr 2008 eingeführte “deposit mandate”, das alle Autoren dazu verpflichtet, ihre Arbeiten im Repositorium der Universität zu deponieren sobald diese den Begutachtungsprozess erfolgreich durchlaufen haben und zur Veröffentlichung angenommen worden sind; unabhängig davon, ob der Verlag eine Sperrfrist für Zweitveröffentlichungen verhängt oder nicht. Um die Befolgung der “immediate-deposit clause” sicherzustellen, werden bei Evaluationen grundsätzlich nur die im universitätseigenen Repositorium befindlichen Veröffentlichungen berücksichtigt. Neben diesem offenbar sehr erfolgreichen Durchsetzungsmechanismus besteht ein besonderes Merkmal des Liège-Modells im “email-eprint-request button”, der es Forschern erlaubt, auch Sperrfristen unterliegende Artikel mit einem Klick vom Autor per E-Mail anzufordern.

Passt Grün zu Gold? Die Zukunft des OA-Publizierens

Rund 10 Jahre nach der Berliner Erklärung lautet die zentrale Frage derzeit nicht, ob sich OA durchsetzt, sondern verhandelt werden die Bedingungen und der Umfang der freien Zugänglichkeit zu wissenschaftlicher Literatur. Die Verlage bevorzugen den Goldenen Weg und das damit verbundene “author pays” Modell, weil es die Struktur des Zeitschriftenmarktes im besten Fall nur geringfügig ändert. Universitäten und Förderungseinrichtungen geben zumeist einer Kombination aus Grünem und Goldenem Weg den Vorzug. Beide Verfahren sind allerdings mit spezifischen Vor- und Nachteilen behaftet. (Zur Definition des Grünen und Goldenen Weges vgl. den 2. Teil dieser Serie.)

Als großer Vorteil des Goldenen Wegs gilt, dass Texte und Daten ohne Umweg über Embargos sofort verfügbar sind. Zudem können über “gratis OA” hinausgehende Lizenzmodelle, d.h. “libre OA” mit den Verlagen explizit vereinbart werden oder sind bereits vorgesehen. Nachteilig an der Goldenen Lösung ist, dass sich die (Preissetzungs-)Macht der Verlage auf die Autorengebühren ausdehnt. Ein weiteres – umstrittenes – Argument ist, dass das “author pays” Modell die Gefahr sinkender Qualitätsstandards mit sich bringe. Denn Autorengebühren könnten Anreize schaffen, die Anzahl der Veröffentlichungen zu erhöhen und Begutachtungs- und Selektionsprozesse durchlässiger zu gestalten.

Die Vorteile des Grünen Wegs sind, dass nahezu keine zusätzlichen Veröffentlichungskosten anfallen. Anders als beim Goldenen Weg können die Förderungsinstitutionen – wie oben anhand des Liège-Modells erklärt – den Grünen Weg verpflichtend vorschrieben ohne in die Wissenschaftsfreiheit einzugreifen. (Wissenschaftsfreiheit ist wiederum ein umstrittener Begriff im OA-Diskurs.) Der Nachteil des Grünen Wegs besteht vor allem in seiner schwierigen Durchsetzbarkeit, weil in vielen Ländern (darunter Deutschland) keine OA Mandate bestehen oder diese durch Embargoregeln und die verbreitete Nichtbefolgung unterlaufen werden. Hinzukommt, dass die Selbstarchivierung zumeist die Form von “gratis OA” annimmt, weil viele AutorInnen und Repositorien nicht ausdrücklich auf die Urheberrechte verzichten.

Die Advokaten des Grünen Wegs sind der Meinung, dass eine flächendeckende Durchsetzung von Selbstarchivierungsregeln Voraussetzung dafür ist, dass die Nachteile des Goldenen Wegs begrenzt und faire Goldene Geschäftsmodelle möglich werden. Erst wenn alle Artikel und Daten zumindest im Rahmen von “gratis OA” allgemein zugänglich sind und Bibliotheken überteuerte Zeitschriften tatsächlich abbestellen können, so das Argument, wird sich die Verhandlungssituation im Zeitschriftenmarkt zugunsten von AutorInnen und Bibliotheken ändern. Die Verfechter des Goldenen Wegs halten dem entgegen, dass nur dieser die sofortige und vollständige Verfügbarkeit von qualitätsgeprüften Texten und Daten garantiert.

Obwohl viele Stimmen betonen, dass die jeweiligen Wege nicht als konkurrierende, sondern als komplementäre Verfahren verstanden werden sollten, besteht aufgrund ihrer unterschiedlichen Konsequenzen für die weitere Entwicklung des Zeitschriftenmarkts ein unübersehbares Spannungsverhältnis zwischen Grün und Gold. Die Befürworter des Goldenen Modells sehen sich dem Vorwurf ausgesetzt, den Interessen der Verlage Vorrang gegenüber jenen der Forschung einzuräumen.

“Pay to say”? Die britische Open-Access-Politik

Einer der wichtigsten Schauplätze der gegenwärtigen Aushandlung von OA-Policies ist Großbritannien, eines der OA-Pionierländer. Bereits 2004 hatte das Science and Technology Committee des Britischen Unterhauses empfohlen (PDF), dass AutorInnen ein Zweitveröffentlichungsrecht erhalten und Kopien ihrer Artikel in öffentlich zugänglichen Repositorien deponieren. Heute ist Großbritannien das Land mit der weltweit höchsten Anzahl von OA-Mandaten, einer respektablen Anzahl von Repositorien und einem Anteil von öffentlich zugänglichen Veröffentlichungen von rund 40%.

Im Jahr 2011 setzte die britische Regierung die OA-Politik erneut auf die Tagesordnung und berief eine unabhängige Arbeitsgruppe mit dem Ziel ein, Vorschläge zur Verbesserung des Zugangs zu Forschungsergebnissen zu entwickeln. Die aus VertreterInnen der Wissenschaft, der Förderungseinrichtungen, des zuständigen Wirtschaftsministeriums und der Verlage zusammengesetzte Expertengruppe sprach sich für eine grundlegende Neuausrichtung der britischen OA-Politik aus. In Abkehr von der bisherigen OA-Politik favorisierte der “Finch Report” (PDF) den Goldenen Weg und reduzierte den Grünen Weg auf eine Rückfalloption für graue Literatur (z.B. Abschlussarbeiten und Arbeitspapiere), Forschungsdaten und die Fälle, in denen eine Publikation in Goldenen Journalen nicht möglich ist. Zugleich empfahl die Expertengruppe, das bisherige subskriptionsbasierte Finanzierungsmodell wissenschaftlicher Zeitschriften auf ein “author pays” Modell umzustellen. Die Begründung für diesen radikalen Schritt lautet, dass die Selbstarchivierung das Ziel einer allgemeinen Zugänglichkeit wissenschaftlicher Arbeiten nur unzureichend erfülle. Der Goldene Weg erlaube demgegenüber einen nachhaltigen Wandel in der Publikationspraxis unter Beibehaltung der akademischen Qualitätsmessungsverfahren und Zusammenarbeit mit den etablierten Verlagen.

Die britische Regierung folgte den Empfehlungen des Finch Reports und stellte sogleich eine Anschubfinanzierung für den Aufbau von Publikationsfonds bereit. Der britische Research Council reagierte auf die Empfehlungen des Finch Reports noch im gleichen Jahr mit einer Änderung seiner Förderungsrichtlinien (PDF). Seit 2013 müssen RCUK geförderte Veröffentlichungen nicht nur öffentlich zugänglich gemacht werden, sondern dem Goldenen Weg ist Priorität einzuräumen, sofern öffentliche Mittel für die Publikationsgebühren zur Verfügung stehen.

Der Finch Report und die darauf gründende Förderungspolitik des RCUK haben national wie international Kritik ausgelöst. Ein Committee des britischen Unterhauses reagierte auf den Finch Report mit einem eigenen Konsultationsverfahren und einer Stellungnahme, die sich sehr kritisch gegenüber der Kehrtwende in der britischen OA-Politik äußerte. Auch WissenschaftlerInnen meldeten sich zu Wort und wiesen auf die problematischen Folgen einer verbindlichen Einführung des Goldenen Wegs hin. So stünde angesichts knapper Ressourcen zu befürchten, dass die Publikationsfonds für das “author pays” Modell nicht ausreichen und die Universitäten daher gezwungen würden, diese nach Kriterien zu verteilen, die nicht wissenschaftlichen Standards und der Praxis des Peer-Reviews entsprechen. Publikationsmöglichkeiten würden unter diesen Umständen künftig weniger von der wissenschaftlichen Qualität als von den vorhandenen Publikationsressourcen abhängen. Die Autonomie und Qualitätskontrolle der Wissenschaft werde hierdurch geschwächt. Zudem bestehe die Gefahr, dass öffentliche Forschungsmittel dauerhaft in Publikationsfonds umgewandelt werden und somit an die Verlage abfließen. Das “pay-to-say” Modell bedrohe mithin die Freiheit der Wissenschaft.

Die Kritik an der Privilegierung des Goldenen Wegs hat inzwischen einen Niederschlag in den neuen Richtlinien des Higher Education Funding Council for England (HEFCE) gefunden, der für die Ressourcenzuteilung und Evaluierung der britischen Forschungseinrichtungen zuständig ist. Ab der Evaluierungsperiode 2016 bezieht HEFCE ausschließlich Publikationen in die Begutachtung ein, die frei zugänglich sind. Die neuen Richtlinien stützen sich ausdrücklich auf das Verfahren der Université de Liège. Es können daher nur Veröffentlichungen geltend gemacht werden, die nach einer positiven Begutachtung innerhalb von drei Monaten in einem Repositorium der Universität deponiert wurden.

Die jüngeren Entwicklungen in der britischen OA-Politik vermitteln einen guten Eindruck von den relevanten Akteuren, ihren Zielen und Einflussmöglichkeiten. Regierungen, Universitäten, Förderungsorganisationen, Verlage und WissenschaftlerInnen ringen um die Ausgestaltung der künftigen Evaluierungs- und Förderungsrichtlinien, und sie verhandeln damit nichts Geringeres als die Kontrolle über die wissenschaftlichen Inhalte und die Modi ihrer Verbreitung. Die Verlage sind an der Etablierung von Publikationsfonds interessiert, die das “author pays” Modell und damit verknüpfte Gewinnerwartungen absichern. Die Wissenschaft wiederum befürchtet eine Umverteilung von Forschungsressourcen zugunsten der Verlagswirtschaft und neue Publikationsengpässe. Die Regierung, die Forschungs- und Forschungsförderungsorganisationen wiederum sind in der Position, verbindliche OA Regelungen durchzusetzen, aber dem voraus geht eine Abwägung der beteiligten öffentlichen und privaten Interessen; eine schwierige Gratwanderung mit offenem Ausgang, wie die britische Entwicklung demonstriert.

Die Auseinandersetzungen in Großbritannien bieten auch Anhaltspunkte für die Bewertung der europäischen OA-Politik. Das neue EU-Forschungsrahmenprogramm Horizon 2020 enthält erstmals ein OA-Mandat (PDF). Alle durch das Programm geförderten Forschungsergebnisse müssen in einem Repositorium abgelegt werden, auch wenn sie in einem Goldenden OA-Journal erscheinen. Es bleibt abzuwarten, ob die europäische Regelung Impulse für Länder mit schwachen OA-Politiken wie etwa Deutschland geben kann.

Fazit: Der Zaun um die wissenschaftliche Allmende

Die OA-Bewegung hat den von James Boyle beklagten Zaun um die Wissensalmende (vgl. die Einleitung zu dieser Artikelreihe) zwar nicht eingerissen, aber sie hat ihn zweifellos auf die (wissenschafts)politische Tagesordnung gesetzt. Das große Verdienst von OA besteht in der Politisierung der akademischen Publikationsbedingungen und der privatwirtschaftlichen Kontrolle über Forschungsergebnisse. Nach und nach geraten etablierte Geschäftsmodelle und akademische Veröffentlichungskonventionen unter Rechtfertigungsdruck und müssen sich den Vergleich mit OA gefallen lassen.

Unterdessen ergibt die Entwicklung von OA bislang ein sehr uneinheitliches Bild mit großen Unterschieden zwischen einzelnen Disziplinen und Ländern. Allerdings werden die konkreten OA-Politiken und ihre Durchsetzungsmechanismen von einzelnen Pionierorganisationen und großen Förderorganisationen ausgehandelt. Zur Diskussion steht hier nicht mehr die Einführung von OA, sondern dessen Ausgestaltung: Bleibt die Selbstarchivierung eine wählbare und gleichberechtigte Option oder wird sie durch verlagsfreundliche Förderpolitiken und lange Sperrfristen marginalisiert? Offen ist auch die weitere Entwicklung der Verwertungsrechte. Können sich Creative-Commons-Lizenzen gegenüber “gratis OA” durchsetzen, so dass die erlaubnisfreie Nachnutzung von Texten und Daten die Norm wird? In der Verbindung zur Lizenzierungsfrage zeigt sich, dass die Bedeutung von OA über den reinen Zugang zu Forschungsergebnissen hinausgeht und die Forschungsbedingungen in einem viel weiteren Umfang betrifft.

Lässt sich Open Access also als eine Abkehr von der Umzäunung der “intellectual commons” deuten? Zumindest sollte der verbreiteten Annahme über die lineare Expansion von Ausschlussrechten in der Informationsökonomie nicht mehr widerspruchslos gefolgt werden.

Einige (frei verfügbare) Referenzen:

Zu den OA-Politiken:

Suber, Peter (2012): Open access (Kapitel 4). Cambridge, Mass: MIT Press.

Zu den Vor- und Nachteilen von Grün und Gold (exemplarisch):

Suber, Peter (2012): Open access (Kapitel 3). Cambridge, Mass: MIT Press.

Poynder, Richard (2014): The Subversive Proposal at 20. Open and Shut?

Zur Situation in Großbritannien (zusammenfassend):

Frosio, Giancarlo F (2014): Open Access Publishing: A Literature Review (S. 173-178). In: CREATe Working Paper, 2014 (1) [PDF].

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Piratenpartei Hessen: 1. November: Demonstration "Glücklich ohne Überwachung" in Frankfurt

Blogs - 24 Oktober, 2014 - 07:32

(Frankfurt/Main)  Die Piratenpartei Deutschland ruft am 1. November 2014 zu einer  Demonstration unter dem Motto »Glücklich ohne Überwachung« auf.  Hintergrund ist der andauernde Überwachungsskandal, der immer weitere Formen annimmt. Die Versammlung fängt um 12 Uhr am Frankfurter Hauptbahnhof mit einer Auftaktkundgebung an. Nach einem Demonstrationszug findet um 14:30 Uhr eine Abschlusskundgebung mit Reden und Live-Musik an der Hauptwache statt. Im Anschluss wird ab 19 Uhr eine Kryptoparty veranstaltet. Bei dieser wird »digitale Selbstverteidigung«, also der praktische Umgang mit Verschlüsselungssoftware, vermittelt.

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